Mediale Massaker

In den letzten 24 Stunden quillt der Google Reader über mit Meldungen über das jüngste Schulmassaker in den USA. Allerdings habe ich bisher keinen der bis jetzt aufgelaufenen 19 Artikel angeklickt. Das liegt weniger an dem Geschehen an sich als viel mehr an der Berichterstattung.

In Vorinternetzeiten brauchten Ereignisse meistens mehrere Tage um in den Medien am anderen Ende der Welt zu erscheinen. In diesem Zeitraum wurden die Nachrichten oft gründlicher hinterfragt. Oder politisch “gewichtet”. Außerdem mußten sich Meldungen den damals beschränkteren Platz (ca. 2-3 TV-Kanäle, div. Tageszeitungen) teilen. Heutzutage bombardieren einen Dutzende Kanäle gleichzeitig, die gründliche Recherche ist dem Zwang gewichen, etwas unbedingt als erster zu melden. Oder wenigstens am häufigsten. Hier greift auch die Kritik von Roger Ebert, die auf Boingboing zitiert wird: http://boingboing.net/2012/12/15/roger-ebert-on-how-the-press-r.html.

Die Medien erschaffen die Ereignisse über die sie dann berichten indem sie lokale Tragödien ins Licht der weltweiten Aufmerksamkeit zerren. Das kann auch nicht damit verteidigt werden, daß damit ein globales Mitleid geschaffen würde. Von der evt. Anteilname eines indonesischen, finnischen oder südafrikanischen Internetbenutzers ändert sich die Situation in Connecticut in keiner Weise. Vielmehr kann die medial bzw. autoritär verordnete Betroffenheit zum Transport politischer Botschaften eingesetzt werden. (Dazu gab es vor wenigen Tagen einen Artikel bei Telepolis.) Die Waffenlobby wird behaupten, mit mehr Waffen an der Schule wäre es nicht passiert. Die Religionslobby wird behaupten mit mehr Kreuzen in den Schulen wäre nichts passiert. Die Xenophoben auf der ganzen Welt werden behaupten mit weniger Afrikanern, Asiaten, Europäern und Amerikanern wäre das Massaker nicht passiert. Die Computerspielhasser werden mal wieder die Gewaltspielkeule zücken und die Computerspielverteidiger werden antworten, daß nichts passiert wäre, hätte sich der Täter am PC abreagieren können. Ansonsten ändert sich nichts, egal ob ich all die Meldungen lese oder nicht. Und angesichts von 7 Milliarden Menschen auf der Welt ist es nur eine Frage der Zeit bis der nächste Täter ausrastet und die medialen Rituale von vorne beginnen.

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