Amokläufe: nah und fern

Im letzten Post verweigerte ich mich noch pauschal des medialen Overkills bei Amokläufen und anderen Betroffenheitshappenings. Die dort nur kurz angeklungene Frage “Was gehts mich an?”” muß ich aufgrund aktueller Ereignisse schärfen.

Heute morgen, noch bevor ich auf die Straße trat, hörte ich diversen Lärm. Vermutung: Handwerker oder so. Draußen auf der Straße fiel mein Blick zunächst auf eine Art Sperrmüllsammlung. Aber nur ein Hauseingang, also wohl ein Umzug. Zwei Herren schauten interessiert in die entsprechende Richtung, der Sperrmüll war schon ziemlich über die Straße verbreitet und der Spießer in mir dachte “Die können aber etwas besser aufpassen beim Möbelschleppen”. Von der anderen Straßenseite kam eine junge Frau. Was ich bis dahin nicht gesehen hatte: auf einem Balkon stand eine Frau und warf Gegenstände herab. Die erste Frau wurde getroffen, konnte aber flüchten. Ich versuchte, “Ground Zero” zu umgehen, wurde aber vorsätzlich anvisiert und beworfen, allerdings nicht getroffen. Während des Wartens auf die Straßenbahn kam dann auch schon ein Polizeieinsatzfahrzeug.

Vergleicht man die jüngsten Ereignisse, so hat man einen dramatischen Amoklauf mit Todesfolgen am anderen Ende der Welt welcher in den Medien minutiös protokolliert wird. Auf der anderen Seite, vor der Haustür eine Frau, die ausrastet. (Darf man es Amoklauf nennen, wenn mit Tellern geworfen wird?)

Zu den Gründen bleiben nur Vermutungen, das Geschehen taucht nicht einmal bei ka-news auf. Ich gehe davon aus, daß es bei Sachschäden und leichten Verletzungen (die junge Frau) geblieben ist, sonst wäre es wohl doch eine Meldung wert gewesen. Vorstellbare Ursachen sind: Alkohol, psychische Störungen, eine Zwangsräumung (evt. in Kombination mit den anderen beiden)…? Wären die Medien hier nicht genauso in der Pflicht die Hintergründe und Vorgeschichte zu analysieren? Was ist wichtiger für Nachrichten: der Bodycount oder die Nähe des Rezipienten zum Geschehen? Soll ich lieber für die Naturkatastrophenopfer in Südostasien spenden oder für die hiesigen Kinder, deren Eltern nicht mal die Schulbücher kaufen können? Wer verdient mehr Mitleid: eine mir unbekannte Person in Amerika oder – nach einem evt. Schicksalsschlag – der Gemüsehändler um’s Eck, bei dem ich immer einkaufe? Und wenn man die Fragen nicht so stellen darf, wieso beantworten sie die Medien dann trotzdem mit der (sic) medienwirksameren Nachricht?

Und noch eine Bemerkung zum Schluß: Gott sei dank haben wir in Deutschland einigermaßen vernünftige Waffengesetze. Nicht auszudenken, wenn die Frau auf dem Balkon eine Schußwaffe gehabt hätte…

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