Programmiersprachen und natürliche Sprachen

Kurz nach meinem sonntäglichen Aufwachkaffee bin ich auf folgende Sommerlochmeldung bei Spiegel Online gestossen: Programmierprojekt: Codesprache Arabisch.

Der Anriß im RSS-Feed triggerte sofort ein innerliches OMGWTF… Schließlich werden schon regelmäßig genügend lateinisch-englisch-basierte Programmiersprachen “erfunden”, die im Endeffekt keiner braucht. Und jetzt noch Arabisch? Es gibt vielleicht ein Dutzend Programmiersprachen bzw. Sprachfamilien, die seit Jahren erfolgreich im Einsatz sind (C/C++/C#, Java, PHP, Phyton, Cobol, div. Basic-Varianten, …). Dazu kommen noch einige Spezialsprachen für Realtimeeinsatz und Parallelverarbeitung und das wars. Alles andere wird über Frameworks und Bibliotheken abgebildet, die in diesen Sprachen geschrieben sind.

Die ganzen neuerfundenen Sprachen mögen akademische Qualitäten aufweisen oder manchmal sogar echte Killerfeatures. Aber kommen wir zurück in die kalte eisige Wirklichkeit des Marktes: wenn ein Manager ein Programmierprojekt startet fragt er: Was kostets? Wie lange ist die jeweilige Sprache am Markt? Wieviele Bibliotheken gibt es? Wieviele Entwickler finde ich dafür? Und schon sind wir wieder bei der oben exemplarisch gebrachten Auswahl.

Das Argument von Herrn Nasser, dem Entwickler der im Spiegelartikel genannten Sprache ist natürlich ein anderes. Ihm geht es darum zu zeigen, wie fremd das lateinische Zeichensystem für nichtlateinische Kulturkreise sein kann. Er wird ja selber zitiert mit der Aussage, daß die Primärsprache für Entwickler Englisch ist, und daß das weder gut noch schlecht sei, sondern eben ein Faktum. Und genau darum bleibt seine Entwicklung eine akademische Fingerübung, auch wenn der Spiegelartikel da versucht mehr hineinzudeuten. Die kulturelle Untermauerung der Computertechnik fand in den Dekaden nach dem zweiten Weltkrieg statt, in einer Zeit der angelsächsischen Dominanz in Wirtschaft und Wissenschaft. Heute sind dadurch viele Dinge in englischer Sprech- und Denkweise standardisiert. In Praxis wird also der Entwickler seine Programme in englisch dokumentieren, weil dann die Chance höher ist, daß er weltweit verstanden wird. In der Praxis haben Millionen indische, chinesische, japanische und russische Entwickler keine Probleme mit der englischen Basis aktueller Programmiersprachen. In Praxis ist das zum Programmieren nötige Englisch so primitiv(*), daß es recht leicht zu erlernen ist. Die einzige echte Hürde dürfte sein, daß es wohl keine Entwicklungsumgebung gibt, die lateinbasierte Codezeilen von links nach rechts erlaubt und gleichzeitig z.B. arabische Kommentarzeilen von rechts nach links. (Wobei es aber glaube, daß es auch dafür ein Umschaltzeichen im Unicodezeichensatz gibt?!)

Fazit: Thumbs up für Herrn Nasser: nettes Kunstprojekt. Aber ein schlechter Trollversuch von Spiegel Online.

(*) Das, was die meisten Menschen auf der Welt als Englisch bezeichnen ist wohl eher eine aus dem Englischen und Amerikanischen entstandene Lingua Franca, die sich nur noch grob am Original orientiert.

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