Der Umzug

Es war ein mäßig heller Frühlingstag, als K. nach einer kurzer Reise aus dem Süden heimkehrte. Das schlechte Wetter der vergangenen Tage hatte sein Gemüt schon hinreichend getrübt, so daß er eher mißmutig seine Wohnung aufschloss und begann, die Koffer auszuräumen. Gerade als er damit zu Ende gekommen war erreichte ihn der Anruf seiner Mutter, welche sich besorgt erkundigte, ob K. denn jetzt wie ein Stadtstreicher unter einer Brücke schliefe. Dieser verneinte, bezog den Scherz auf seine häusliche Odnung und erfuhr erst nach einiger Rückfrage den Grund: die Assekuranz hatte ein wichtiges Schreiben statt an K. an seine Eltern geschickt, bei denen er in seiner Jugend selbstverständlich gewohnt hatte. Es mußte sich wohl um ein bedauerliches und einmaliges Versehen auf dem Postamte handeln, die Sendung war wohl nicht zustellbar gewesen, der Postbote hatte die Adresse nicht gefunden oder es war niemand da gewesen, als er am Hause klingelte. Ein pflichtbewußter Versicherungsbeamter hatte daraufhin wohl in gutem Glauben die hinterlegte Adresse der Angehörigen herausgesucht und für eine erneute Zustellung verwendet. K. instruierte seine Eltern, daß sie ins örtliche Versicherungsbureau gehen sollten um dort den Irrtum aufzuklären.

Tage später, er hatte die Sache beinahe vergessen, fand er einen Brief in seinem Postkasten. Allerdings nicht die erwarteten Unterlagen, sondern eine Notiz seiner Eltern zusammen mit einem weiteren Schreiben der Assekuranz. Man habe, so stand darin, zufällig von seinem Umzuge erfahren und die neue Adresse in die Akten aufgenommen. Er möge doch bitte eine Bestätigung schicken, damit alles den offiziellen Weg ginge. Da sich K. nun keines Umzuges bewußt war telephonierte er umgehend mit dem Versicherungsbureau, frug, woher man, anders als er selber, denn von dem Umzug wüßte. Dort hieß es, vom Einwohneramt, worauf K. verständnislos erwiderte, er würde ja gerade von dem Orte aus telephonieren, den er seit zehn Jahren für seine Wohnung hielte, genauso wie das Steueramt, das Geldinstitut und überhaupt alle offiziellen Stellen es so sähen. Sogar die Assekuranz selber hatte erst vor wenigen Tagen einen Brief in anderer Sache an ihn, an sein richtiges Zuhause geschickt…

Als er später zu Bett gegangen war träumte K. von seiner kleinen Wohnung: sie verwandelte sich im Traum in ein Schloß, eine Hecke wuchs empor, die Blätter beschrieben mit der falschen Adresse. Die Hecke wuchs immer weiter, überwucherte das Schloß, trieb Zweige in den Aktenkorridor der Assekuranz, schlug Wurzeln in sein Bankkonto, erstickte schon die Einträge in allen Ämtern. Bald konnte er sich nicht mehr bewegen, war gefangen im Buschwerk, konnte den Irrtum nicht mehr korrigieren.

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