Sachma! Welche Kamera…?

Wenn die Leute merken, daß ich fotografiere kommt irgendwann eigentlich immer der Punkt, an dem eine Frage fällt wie:

“Welche Kamera soll ich mir denn holen?”
“Was ist besser? Nikon oder Canon?”
“Kann ich mit der XY auch so gute Fotos machen wie Du?”

Gerade letztere Frage liefert dann Gelegenheit, darauf hinzuweisen, daß…

  • …im Gegensatz zur allgemeinen Internetmeinung Fotoqualität und Ausrüstungspreis nur geringe Korrelation aufweisen
  • …ich zwar einige Kilo Ausrüstung herumschleppen kann und auch viele schöne Fotos(*) gemacht habe, aber nur wenige gute.

Danach bringe ich meistens noch das Feiningerzitat an:

Die Tatsache, dass eine (im konventionellen Sinn) technisch fehlerhafte Fotografie gefühlsmäßig wirksamer sein kann als ein technisch fehlerloses Bild, wird auf jene schockierend wirken, die naiv genug sind zu glauben, dass technische Perfektion den wahren Wert eines Fotos ausmacht.
(Forumsdiskussion bzgl. Quelle)

Daraus kann man leicht in eine Diskussion über Bildanspruch und Philosophie der Fotographie abgleiten, was aber genug Stoff für weitere Blogposts bietet. Auch werde ich an dieser Stelle hier nicht erläutern WIE man bestimmte Aufnahmesituationen meistert, sondern nur ein paar Entscheidungskriterien anreissen. Sofern ich herstellerspezifische Aussagen treffe, beziehen sich diese aus pragmatischen Gründen auf Canon. Aber im Prinzip gilt das gesagte für alle Kamerahersteller gleichermaßen und die individuellen Herstellerpräferenzen erwachsen meist aus Gewohnheit und Umfeld als aus technischen Begründungen.

Also zurück zur Frage: Wieviel Kamera braucht der Mensch und wie teuer muß sie sein? Ganz komme ich aber nicht herum um die Gegenfrage: Was willst Du mit der Kamera machen? Welchen Anspruch hast Du an die Bilder?

Sollen die Fotos primär als z.B. Urlaubserinnerungen gedacht sein ohne daß die weiter unten aufgeführten Kriterien relevant sind, eine Präsentation nur via TV oder Tablet stattfindet oder wenn geringe Größe und Gewicht entscheidend sind, so reichen heutzutage die handelsüblichen Kompaktkameras im Preisbereich 100€-400€. Die automatischen Steuerungen sind inzwischen recht ausgefeilt und für die gelegentliche anspruchsvollere Aufnahme lassen sich meist auch manuelle Einstellungen vornehmen. Selbst Handys bekommen immer bessere Kameras, allerdings ist hier die Qualität über die Modellpalette noch deutlich stärker gestreut als bei echten Kameras. Kompaktkameras (und noch stärker Handys) sind durch die geringe Sensorgröße und die kompakten Objektive natürlich in der Qualität und den Möglichkeiten der Nachbearbeitung eingeschränkt. In Grenzbereichen wie Tierfotografie, available light, Sportfotografie wird man nur schwer Ergebnisse erhalten, die man von grossen Kameras gewöhnt ist.

Möchte man mehr Gestaltungsmöglichkeiten (Tiefenschärfe, Belichtung, Bildwinkel, …), geht der Weg zu den sogenannten “spiegellosen Systemkameras” bzw. dem Einsteigersegment der Spiegelreflexkameras. Beide Kamerasysteme bieten in der Regel Wechselobjektive, volle manuelle Kontrolle der Aufnahmeparameter und weitgehende Nachbearbeitungsmöglichkeiten durch die mögliche Verwendung sogenannter RAW-Dateien.

Ab hier gibt es dann verschiedene Möglichkeiten, eine noch teurere Kamera zu erwerben. Man sollte sich also schon ein wenig mit der Fotografie auskennen um zu wissen, was man erwartet. Die Kameras des Profi- bzw. Semiprofisegments sind alle gut genug um die meisten Aufnahmesituationen ordentlich zu meistern, haben aber jeweils Spezialitäten (z.B. Geschwindigkeit, Empfindlichkeit, Auflösung, Robustheit, …), in denen sie besser sind als andere Kameras desselben Herstellers.

Beispiel Canon, Semiprofisegment (Stand Anfang 2013):

  • 5D Mk II (altes Modell): Vollformat, hohe Auflösung, geringere Empfindlichkeit (ISO 25600), sehr gemächliche Bildfolge => Universalkamera mit Fokus auf available light und Abstrichen gegenüber 5D Mk III bzw. 6D
  • 5D Mk III (neues Modell): Vollformat, hohe Auflösung, hohe Empfindlichkeit (ISO 102400), mittelschnelle Bildfolge => Universalkamera mit Fokus auf available light
  • 6D: Vollformat, geringere Auflösung als 5D, hohe Empfindlichkeit (ISO 102400), gemächliche Bildfolge, günstigerer Sucher und Verschluß als 5D => Universalkamera mit leichten Abstrichen gegenüber der 5D Mk III
  • 7D: APS-C-Sensor, geringere Auflösung, geringere Empfindlichkeit (ISO 12800), sehr schnelle Bildfolge => Actionfotografie (Tiere, Menschen, Sport, …)

Vorausgesetzt, man möchte im Semiprofisegment einsteigen, dann würde die Entscheidungsfindung wie folgt aussehen:

  • Brauchst Du die schnelle Bildfolge? Ja => nimm die 7D.
  • Hast Du wenig Geld, aber Zeit, Muße und Nerven für einen Gebrauchtkauf? Ja => kauf eine 5D Mk II (Evt. hat der eine oder andere Händler die sogar noch neu auf Lager?!)
  • Hast Du die Kohle für die 5D Mk III? Ja => Kauf sie.
  • Ansonsten nimm die 6D.

Folgende Punkte sind aber unbedingt auch noch zu bedenken:

  • Der Preis für die letzte Reserve in Bildqualität (in Form des Vollformatsensors und der hohe ISO-Empfindlichkeit) ist ziemlich hoch. Man wird evt. also mit einer 60D oder 700D günstiger fahren.
  • Für reine Bildschirmpräsentation reichen selbst bei aktuellen Bildschirmgrößen 6 Megapixel an der Kamera völlig aus. Selbst für den Profidruck braucht man selten mehr als 20 Megapixel.
  • Die Empfindlichkeiten ab ISO 12800 sind zwar hübsche Zahlen im Werbekatalog, aber im Normalfall reichen auch bei available light meist die ISO 6400. Die höhere Maximalemfindlichkeit der neuen Sensoren führt allerdings meist auch zu rauschärmeren Bildern bei geringen Empfindlichkeiten. D.h. die 5D Mk III sollte bei ISO 6400 bessere Bilder abliefern als die ältere 5D Mk II.
  • Viele Vergleichsangaben sind Labormeßwerte und fallen meist auch nur dort ins Gewicht. In der Praxis wird man einen Preisunterschied von ca. 1000€ oft nur schwer erkennen.

Die bisherige Betrachtung konzentrierte sich nur auf das Kameragehäuse. Bei den Systemen mit Wechselobjektiv kommt aber als wesentlicher bildgestaltendes Element noch das Objektiv dazu. Auch hier kann man eine Menge Geld in eine beeindruckende Spielzeugsammlung versenken. Jedes Quentchen zusätzliche Verbesserung am Objektiv kostet ein Heidengeld. Zum Glück gilt: echte Krücken gibt es heutzutage bei den Objektiven eigentlich nicht mehr. Manche sogenannte Kitobjektive, die beim Kamerakauf dabeiliegen sind sogar ausgesprochen gut (z.B. das 24-105mm f/4 bei der 5D Mk III). Eine sinnvolle Anschaffung ist aber in jedem Fall ein lichtstarkes Normalobjektiv (z.B. 50mm f/1.4 bzw. f/1.8). Alles andere (Tele, Weitwinkel, Makro, Tilt-Shift, Fischauge, …) kann später kommen, wenn man die entsprechende bildgestalterische Anforderung entwickelt hat.

Fazit: der Markt ist unüberschaubar, es gibt keine beste Kamera im absoluten Sinn und am besten schaut man sich die Geräte mal im praktischen Einsatz an (z.B. bei Freunden oder in einem VHS-Kurs). Die Frage: “Was will ich eigentlich?” bleibt schlußendlich niemandem erspart. 😀

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One Response to Sachma! Welche Kamera…?

  1. Archer says:

    Besser kann man’s nicht sagen. Wenn mir das nächste Mal diese Frage gestellt wird verweise ich auf diese Seite. 🙂 Vielen Dank. VG Archer.

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