Sensibel? Introvertiert? Autist?

…oder doch einfache nur ‘ne Mimose?

Ab und an liest man im Internet einen Text und sagt sich: Danke, endlich wurde es einmal treffend gesagt. Ein Beispiel ist der jüngst auf Zeit Online veröffentlichte Leserartikel Wie eine Schnecke ohne Haus. Viele Teile daraus kann ich vorbehaltlos unterstreichen, z.B.:

Ich liebe Einsamkeit und Leere, weil meine Sinne dann nicht abgelenkt werden, sei es durch tatsächlichen Lärm oder einfach nur durch leise Gespräche im Nebenraum.

Oder:

…in dem Bewusstsein, dass der nächste fremde Mensch mindestens hundert Kilometer weit entfernt ist. Ich will das nicht immer haben, aber von Zeit zu Zeit schon.

Ich möchte noch einige Gedanken ergänzen:

  • Es geht nicht um Lärm im Sinne von messbar laut und leise. Die vom Introvertierten empfundene Störung kann sich in Form von Lärm äußern, oft ist die Beschreibung “Lärm” schlicht die einzige Begrifflichkeit, mit der man seine Wahrnehmung einem normalen Menschen vermitteln kann. Der tatsächliche Reiz ist hingegen die von fremden Menschen verursachte Unruhe, das Eindringen in die persönliche Schutzzone. Das Unterbewußtsein empfindet eine Bedrohung obwohl das Bewußtsein zum x-ten Mal sagt: Das sind nur Nachbarn. Das ist keine Absicht. Türen knallen nun einmal. Laß denen doch den Spaß. Usw. usf.
  • Das Phänomen hat viele Ausprägungen. Die Skala reicht mindestens von sensibel über introvertiert bis zu den klinischen Befunden Asperger und Autismus. Genauso sind die Reizquellen vielfältig und sicher bei jedem individuell: Menschengedränge, unfreiwillig gehörte Gespräche, bestimmte Stimmlagen, menschengemachte mechanische Geräusche… Die Wirkung dieser Reize ist wiederum abhängig von der jeweiligen Situation: was in den eigenen vier Wänden als störend empfunden wird geht in der Öffentlichkeit möglicherweise im Rauschen unter.
  • Durch dieses breite Spektrum und da, wie im Zeit-Online-Artikel geschrieben, jeder Introvertierte sich für das einzige Exemplar dieser Spezies hält, ist es für uns Sensible gerade im Umgang untereinander oft überraschend, daß auch wir Signale aussenden, welche wir selber, in anderer Stärke, nicht ertragen würden.
  • Die angelsächsische Welt ist mal wieder einen Schritt voraus. Dort wird das Thema “Introvertiertheit” schon länger diskutiert, z.B. in diesem TED-Talk oder auf Lifehacker.com:

    One of the key differences between introverts and extroverts is that introverts recharge their metaphorical batteries by being alone, while extroverts tend to enjoy crowds and stimulation. While your extroverted friends are coming to the party to get energized, as an introvert you need to come prepared with your own fuel.

    Liebe normale Mitmenschen: nehmt es einem Sensiblen/Introvertierten nicht übel, wenn er mal nicht “socialized”. Er hat nichts gegen Euch persönlich. Aber ab und zu muß er seine “sozialen Batterien” aufladen und Stille tanken.

  • Aber es gibt Hoffnung: Laut “Steppenwolf” von Herrman Hesse heilt man einen knurrigen, alten Misanthropen und Einzelgänger am besten mit Sex, Drugs & Rock’n’Roll.

Bildquelle: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Grandville_Fleurs_Mimose.jpg

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