Sprache schafft und verändert Bewusstsein. Oder?

Letztens kam in einer Facebookdiskussion bezüglich geschlechtsneutralisierender Sprachpfuscherei inkl. Geldverschwendung dann irgendwann die Aussage:

Sprache schafft und verändert Bewusstsein.

Irgendwie ist das sogar wahr, da offenbar eine Menge Leute daran glauben und im Bewußtsein dieser Wahrheit argumentieren. Also hat diese sprachliche Einheit schon Bewußtsein verändert.

Aber…

Die Frage, wie Sprache und Realität (auch über das schnöde menschliche Bewußtsein hinaus) zusammenhängen, ist in der Mathematik elementar. Nicht umsonst leitet sich der Name eines der mathematischen Kerngebiete, nämlich der Logik, vom selben Ursprung ab wie das griechische λογος, das Wort. Also fühle ich mich berufen, zu obigem Satz ein paar Gedanken loszuwerden:

  1. Der Satz ist so viel zu pauschal einseitig. Ja, Sprache und Bewußtsein sind miteinander verzahnt. Wenn aber eine Richtung der Wechselwirkung stärker ist, dann ist es meiner Meinung nach die Beeinflussung der Sprache durch das Bewußtsein. Man schaue sich nur die kreative und andauernde Umdeutung von Wörtern in der Sprachgeschichte an. Schimpfwörter werden plötzlich positiv konnotiert, positive Wörter sind plötzlich abwertend gemeint.
  2. Der Satz impliziert, daß es die eine richtige Sprache gibt. Aber Sprache ist immer im Fluß, wandelt sich und hat in verschiedenen sozialen Gruppen verschiedene Bedeutung. Experimentiervorschlag: Suchen Sie sich als Weißer in Harlem eine Gruppe schwarzer Jugendlicher, die sich untereinander mit “Nigga” anreden. Gehen Sie hin und sagen auch mal “Nigga”. Was passiert wohl?
  3. Zur Sprachzensur in (Kinder-)Büchern: Mir ist es lieber, die Leser lernen, daß Sprache etwas relatives ist, abhängig von Zeit, Raum, Sprecher und Hörer, statt daß durch beschönigende Wunschsprache das gesellschaftliche Bewußtsein verkümmert (diese Möglichkeit ist nämlich im Satz oben auch enthalten).
  4. Seit den 70ern tobt das Binnen-i durch die Sprache und es gibt immer noch nicht mehr Frauen in Machtpositionen. Keinem einzigen Neger geht es besser wenn ich ihn “Pigmentprivilegierter” nenne. In der DDR wurde immer gesagt, der Sozialismus siegt und der Kapitalismus wäre am Ende – und wohin hat dieser sprachliche Wunsch geführt?
  5. Es mag Menschen geben, deren Bewußtsein stark durch Sprache prägbar ist. Ich persönlich gehöre nicht dazu, ich werde eher mißtrauisch, wenn mir jemand mit sprachlichen Tricks (Rhetorik, Political Correctness, …) eine bestimmte Denkart aufschwatzen will.
  6. So einfach wie in “1984” funktioniert das mit der Sprache dann doch nicht. Zum Glück.

Bildquelle: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:RobertFuddBewusstsein17Jh.png

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2 Responses to Sprache schafft und verändert Bewusstsein. Oder?

  1. Archer says:

    Wie Du schon sagst: Sprache ist immer im Fluß. Einmal paßt sich die Sprache dem Menschen an, manchmal ist es umgekehrt.
    Die Frage, die ich mir bei der Political Correctness stelle ist folgende: was sind die Hintergründe und Ziele zu versuchen die Nutzung vermeintlich abwertender Begriffe zu verbieten und sie im Endeffekt durch Euphemismen zu ersetzten? Geht man dann davon aus, daß die Leute sich vorher nicht bewußt waren, daß diese Begriffe abwertend waren und möchte sie umerziehen? Haben diese neuen Begriffe damit dann automatisch eine positivere Bedeutung für diese Menschen? Oder werden Sie dann tatsächlich zynisch verwendet oder sogar zynische neue Begriffe entwickelt wie “Maximalpigmentierter”? Offensichtlich gibt es gerade in diesem Bereich beim Menschen den WUNSCH sich abzugrenzen und das herauszustellen, das anders ist. Das geht dann oft auch mit einer Wertung ein her: das was ich kenne ist meist automatisch besser, als das was ich nicht kenne. Denn das andere kenn ich nicht und ist damit potentiell gefährlich. Das sind menschliche Urinstinkte nach denen wir handeln. Darin liegt wenn schon das Problem. Solange wir etwas oder jemand als anders wahrnehmen werden wir auch immer versuchen das auszudrücken. Welchen Begriff wir dafür verwenden ist dabei der kleinste Teil des Problems. Selbst wenn jemand “Mitbürger mit Migrationshintergrund” sagt kann er sich dabei trotzdem “sozialschmarotzender Scheißtürke” denken. Insofern bezweifle ich, daß der ganze Kram viel bringt.
    Was das Umschreiben der Kinderbücher angeht: das halte ich in doppelterer Weise für dämlich: erstens bin ich der Meinung, daß ein Buch aus den 30ern oder 40ern (wie z.B. “Fünf Freunde”) einfach eine andere Sprache hat und haben muß. Egal ob Kinderbuch oder nicht. Ich fang ja auch nicht an Shakespeare, Goethe oder einen Sherlock Holmes Roman umzuschreiben. Zweitens sollte sich auch ein Kind und Jugendlicher bewußt sein, daß sich Dinge in der Welt ändern, und daß früher manches anders war – auch die Sprache und Ausdrucksweise oder auch die geschlechtliche Rollenverteilung. Das fängt doch schon im Kleinkindalter an, wenn wir in Märchen von Fabelwesen, Königen und Prinzessinen erzählen, die aus einer Welt vor hunderten von Jahren stammen. Und was soll es bringen? Will man die Kinder vor etwas schützen? Oder hält man sie einfach für so dämlich nicht zu erkennen, daß das Buch alt ist. Spätestens wenn die Figuren in dem Buch keine Computer benutzen und keine Handys mit sich rumtragen wird dem Kind schon klar werden, daß da was anders sein muß und wird drüber nachdenken oder fragen warum das so ist. Auch bei einem Kinderbuch (wie beim Fernsehen) können die Eltern das Kind einfach nur konsumieren lassen oder hin und wieder Interesse am gelesenen nehmen und rausfinden, wie das gelesene aufgenommen und verstanden wurde.

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