Besserbürger und Markenproleten

Heute in der Strassenbahn erlebte ich einen Jugendlichen, der irgendwo zwischen Begeisterung und Entsetzen schwankte, als er mit dem Smartphone vermutlich nach Klamotten suchte. Die Preise, die man von ihm hörte schwankten zwischen 600€ und 1000€ – eine Größenordnung, die ich selber nicht mal als Jahresbekleidungsbudget in Betracht ziehe. Ich gebe zu, daß es wohl mein persönliches Desinteresse in diesen Belangen ist, der mich davon abhält, derartige Summen in etwas so kurzfristiges wie (Marken-)Mode zu versenken.

Passenderweise fand sich heute bei Zeit Online auch das andere Extrem: Die Besserbürger. “Das andere Extrem” meint jetzt nicht, daß es billige Dinge wären, nein, im Artikel geht es um den Trend, für viel Geld Sachen zu erwerben, die möglichst alt, retro oder schlicht wirken.

Auch wenn der Artikel behauptet

Schnelle Autos, auffälliger Schmuck, Klamotten mit aufgedruckten Markennamen seien inzwischen etwas für die Unterprivilegierten

Ich sehe keinen Unterschied, ob jemand jetzt mit einem dicken, fetten Markenlogo angibt oder mit seiner Ganz-toller-Designer-aus-dem-Retrostyle-Laden-Klobürste. Wie nämlich an anderer Stelle wiederum festgestellt wird:

…wird alles der Frage unterworfen: Ist das, was ich kaufe, formvollendet? Beweise ich damit auch guten Geschmack? Gefällt das auch meinen Bekannten?

Tja, sowohl für Markenproleten als auch für Lohas/Hipster/Besserbürger besteht die Funktion von Besitz oft darin, in seinem sozialen Umfeld gut auszusehen. Damit beantwortet sich die am Ende gestellte Frage

Kann man den Code knacken? Kann ich mich geschmacklich locker machen?

Einfach mal wieder mehr “form follows function” denken und dabei auf das Preis-Leistungs-Verhältnis achten. Das gilt sogar für Leute, denen das (sichtbare oder unsichtbare) Preisschild wichtiger ist als die nominelle Nutzfunktion eines Gegenstandes. Muß halt jeder selber wissen, was ihm wichtig ist. Nur soll sich hinterher keiner beschweren, weil sein Leben so materiell bestimmt ist.

Bildquelle: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Nussschleuder.jpg

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3 Responses to Besserbürger und Markenproleten

  1. Marlene says:

    Hast so recht! Vielleicht sollte man auch damit anfangen, einfach das zu kaufen, was man 1. braucht, 2. selber schön findet und dann meinetwegen noch seinen ethischen Werten entspricht. Mit was man aus Gruppenzwang versucht vor anderen anzugeben ist ja letztlich egal 🙂

  2. Pingback: Hedonismus und Four-Letter-Words | Zentriere Dich

  3. eineperson says:

    Statussymbole scheinen den Besitzern irgendein Ego-pushendes feeling zu geben, is klar die ich hab was was du nicht hat sache, oder das meiner ist grösser als deiner Ding. Aber im Endeffekt frage ich mich warum jemand sein Selbstwertgefühl auf so traurige Art erst steigern muss. Ich mein wer ne nutte bezahlt ist deswegen niemals n Weiber Held.

    Ich laufe zur zeit mit richtig rabgenutzter klamotte rum und die Löcher in Schuh und Shirt in Kombination mit meinem semi-arrogantem

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