Hedonismus und Four-Letter-Words

Eine Ergänzung zu Besserbürger und Markenproleten.

In den Kommentaren zu oben genanntem Post auf Facebook wurde der Hedonismus ins Spiel gebracht. Was mich natürlich gleich auf den guten alten Schopenhauer brachte. Also habe ich mal wieder seine “Aphorismen zur Lebensweisheit” durchgeblättert und mich daran ergötzt, daß er das Thema schon vor über 150 Jahren so treffend behandelt hat:

Nun aber gar dem, welcher beständig den Genuß einer außerordentlichen, geistig eminenten Individualität hat, sind die meisten der allgemein angestrebten Genüsse ganz überflüssig, ja, nur störend und lästig. Daher sagt Horaz von sich: »Gemmas, marmor, ebur, Thyrrhena sigilla, tabellas, Argentum, vestes Gaetulo murice tinctas, Sunt qui non habeant, est qui non curat habere« und Sokrates sagte beim Anblick zum Verkauf ausgelegter Luxusartikel: »Wie vieles gibt es doch, was ich nicht nötig habe.«

So ein Jüngling war äußerlich reich aber innerlich arm in die Welt geschickt und strebte nun vergeblich durch den äußeren Reichtum den inneren zu ersetzen, indem er alles von außen empfangen wollte […] Dadurch führte dann am Ende die innere Armut auch noch die äußere herbei.

D.h. schon für Schopenhauer war klar: materielle Anstrengung alleine führt nicht zur Spitze der Bedürfnispyramide – auch wenn uns heutzutage die Werbung lautstark etwas anderes suggerieren will. Die unteren Bereiche der Bedürfnishierarchie sind üblicherweise materiell lösbar. Darüber ist materielles Vermögen hilfreich, aber kein automatisches Allheilmittel. Wie schon das Sprichwort sagt: “Geld macht nicht glücklich, aber es hilft ungemein.” Man muss sich eben klar werden, was man will und danach entscheiden und auswählen. Im Ausgangspost nannte ich das “form follows function”, Marlene in den Kommentaren schrieb “einfach das zu kaufen, was man […] braucht” und passenderweise gab es auch hier einen aktuellen Artikel in meinem RSS-Feed: The Comfort Principle: Spend Money Where You Spend Your Time.

Nun zu etwas (fast) völlig anderem: die Four-Letter-Words: Mode-Erscheinung “Fear of Missing out”: Fomo? Yolo! Wie dort geschrieben: diese Furcht, etwas zu verpassen ist nicht neu. Selbst den “Steppenwolf” von H. Hesse könnte man so interpretieren: Harry Hallers menschliche Seele ist “Jomo” (“joy of missing out”), sein innerer Wolf steht für “Fomo” (“fear of missing out”) und Hermine repräsentiert “Yolo” (“you only live once”).

Aber was hat das nun mit dem Post “Bessermenschen und Markenproleten” zu schaffen? Für die meisten mitteleuropäische Mensch sind die beiden unteren Ebenen der Bedürfnishierarchie zum großen Teil erfüllt. Die existenziellen Ängste verlagern sich darum auf die soziale Ebene und darüber. Genau dort entsteht “Fomo”: die Angst, nicht dabei zu sein. Eine vom Internet beschleunigte Aufmerksamkeitsökonomie verspricht die Erfüllung der im oberen Bereich angesiedelten Bedürfnisse durch “Yolo”: du kannst und mußt überall dabei sein und für alle Welt dokumentieren, daß du dabei bist. Leben gibt es nur in der Wahrnehmung der anderen. Um nochmal Schopenhauer zu Wort kommen zu lassen:

Hauptsächlich aus dieser inneren Leerheit entspringt die Sucht nach Gesellschaft, Zerstreuung, Vergnügen und Luxus jeder Art…

Und zum Wahrgenommenwerden ist es laut Werbung wichtig, die richtigen Marken entsprechend der jeweiligen “peer group” zu haben. Betriebswirtschaftlich argumentiert: mit den Grundbedürfnissen wie normalem Essen und normaler Kleidung lassen sich kaum noch Gewinne einfahren. Hohe Gewinnmargen gibt es jedoch, wenn etwas die sozialen (Aufmerksamkeits-)Bedürfnisse befriedigt, wenn es zur Marke wird oder zum Sammelobjekt. Und da “die unsichtbare Hand” des Marktes nach allen potentiellen Käufern greift, werden also sowohl die Markenproleten als auch die Besserbürger mit passenden Möglichkeiten zum Geldausgeben versorgt. Die einen wie die anderen sind also Opfer der kapitalistischen Dynamik, ausbrechen daraus kann nur jeder selber.

Es rettet uns kein höh’res Wesen,
kein Gott, kein Kaiser noch Tribun
Uns aus dem Elend zu erlösen
können wir nur selber tun!
Die Internationale

Bildquelle: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Einfache_Bed%C3%BCrfnishierarchie_nach_Maslow.svg

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