Unser täglich Brot gib uns heute…

Auf Zeit Online wird derzeit in einer Artikelreihe das Bäckereiensterben bejammert:

Als Sohn eines (Handwerks-)Bäckers muß ich jetzt mal ein Loriotsches “Ach?!” einwerfen. Die Jammerei kommt 20-30 Jahre zu spät. Ich kann euch sagen, warum die kleinen Bäcker aussterben. Das haben wir zur Wende nämlich im Osten im Zeitraffer erlebt.

Nach dem Krieg, wohl bis in die 50er jahre, vielleicht länger, soll es in meiner (recht kurzen) Heimatstrasse zwei Bäcker, einen Fleischer und einen Konsum gegeben haben. Zu meiner Kindheit war davon noch die Bäckerei meiner Eltern übrig und der Konsum. Im ganzen Ort gab es zu der Zeit noch elf niedergelassene Bäcker. Zur Wende dann begannen die Leute jeden Pfennig zweimal rumzudrehen und weite(re) Wege zur Arbeit zu fahren. In Kombination führte das dazu, daß die Alltagslebensmittel (inkl. Backwaren) günstig im Einkaufszentrum auf der grünen Wiese gekauft wurden. Der lokale Bäcker wurde nur noch aufgesucht, wenn mal was vergessen wurde. Oder für Sonderbestellungen wie z.B. Torten. Ein einzelner Handwerker kann von solcher Auftragslage nicht im Preiskampf gegen die Backindustrie bestehen. Inzwischen sind wohl nur noch zwei Bäcker übrig, die den ganzen Kreis bedienen.

Ein anderer nicht zu unterschätzender Grund ist: Brot selber backen ist cool, also einmal im Jahr für die Grillparty im Garten. Oder beim Waldorfschulfest mit den anderen Eltern. Aber wer möchte denn noch freiwillig fünf Tage in der Woche für ein paar authentische Brötchen von morgens um drei bis abends um sieben auf den Beinen sein und seine Gesundheit im Mehlstaub ruinieren? Und sich danach durch den Papierkrieg von Finanz- und Gesundheitsamt kämpfen?

Die sogenannte echte Bäckerei wird das Schicksal der Hufschmiede, Schreiner, Töpfer und anderer alter Berufe erleiden: eine nette Attraktion auf Mittelaltermärkten sowie eine handwerklische Nische für reiche Kundschaft.

Bildquelle: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Basket_of_rolls.jpg

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2 Responses to Unser täglich Brot gib uns heute…

  1. Marlene says:

    Greenpeace-Magazin schreibt diesen Monat auch darüber – hat wohl was damit zu tun, dass deutsches Brot für den Titel immatrielles europäisches Kulturerbe nominiert werden soll. Bei GP wird dann gefragt, ob das Brot in Zeiten von Großbäckereien, Asiateigrohlingimporten und Backfacory überhaupt noch verdient hat…

    • SK says:

      Nun, wie oben schon mal geschrieben: es gibt Sachen, die sind schönes Kulturerbe – auch wenn man sie im täglichen Leben kaum noch braucht. Pferde beschlagen können ist schön, Brot im Steinofen backen oder auch Omas Handkaffeemühle (um mal zum Vergleich auch ein materielles Erbe anzuführen). Doch im heutigen Alltag benutzen wir Auto, Bahn und Fahrrad, essen Industriebrot und benutzen die elektrische Kaffeemühle oder gar fertige Kaffeepads. Ob das alles sinnvoller ist, steht auf einem anderen Blatt.

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