Planlos ins Leben?

Einer der vielen aktuellen medialen Aufreger ist der Twitteraufschrei einer jungen Dame über die, von ihr so empfundene, mangelhafte schulische Vorbereitung auf das Leben. Meine erste Reaktion als “alter Sack”, dessen Schulzeit schon über 20 Jahre zurückliegt, ist internetüblich erstmal “Mimimimi…”. Auch die sonstigen Reaktionen scheinen extrem polarisiert zu sein. Entweder “die böse Schule vernachlässigt die armen Schüler” oder “die faulen Schüler können nur jammern”. Aber ich will mich nicht in die Reihe der Trolle (Spiegelbericht) einreihen sondern versuchen, vernünftig zu antworten. Glücklicherweise hat Naina bei Zeit Online ihre Argumente auf zwei Seiten darlegen können, welche ich hier kommentieren möchte:

Aber gleichzeitig ist das vorbei, was für mich zwölf Jahre lang Normalität war, danach kommt was vollkommen Neues.

Das ist das Leben.

Das ist beängstigend, wenn man sich nicht richtig vorbereitet fühlt.

Auch das ist das Leben.

Denn mit den ganzen neuen Rechten kommen ja auch Pflichten auf mich zu.

Und selbst das gehört zum Leben.

Aber welche dieser ganzen Möglichkeiten nehme ich? Welche ist die beste für mich, und welche gefällt mir in 20 Jahren noch?

Diese Frage stellen sich die Menschen seit tausenden Jahren. Auch wenn von der heutigen normversessenen Gesellschaft der Eindruck verbreitet wird, es gäbe genau einen richtigen Lebensweg, denn man nur rechtzeitig wählen müsse und dann wird man schön, reich und glücklich: nein, das ist nicht so. Jeder einzelne muß seine eigene Antwort finden und jeder einzelne muß ganz alleine scheitern und neu anfangen. Am Ende meiner Schulzeit z.B. stand ich nicht nur vor einem neuen Lebensabschnitt sondern vor einer neuen Gesellschaftsordnung. Wir wußten zur Wende nicht, welche unserer Entscheidungen 20 Jahre später noch richtig sein würde. Fragen Sie die von Ihnen erwähnte Großmutter, ob diese stets wußte, was 20 Jahre später sein würde. Und trotzdem war sie offenbar erfolgreich im Leben.

Ich möchte Ihnen noch schnell ein paar Zitate vom ollen Miesepeter Schopenhauer mitgeben (Aphorismen zur Lebensweisheit):

  • Unbesehens glaubt der Jüngling, die Welt sei da, um genossen zu werden; sie sei der Wohnsitz eines positiven Glückes, welches nur die verfehlen, denen es an Geschick gebricht, sich seiner zu bemeistern.
  • In Arkadien geboren, wie Schiller sagt, sind wir freilich alle: d. h. wir treten in die Welt voll Ansprüche auf Glück und Genuß und hegen die törichte Hoffnung, solche durchzusetzen.
  • Daher sind wir in unseren Jünglingsjahren mit unserer Lage und Umgebung, welche sie auch sei, meistens unzufrieden; weil wir ihr zuschreiben, was der Leerheit und Armseligkeit des menschlichen Lebens überall zukommt, und mit der wir jetzt die erste Bekanntschaft machen, nachdem wir ganz andere Dinge erwartet hatten.
  • Man hätte viel gewonnen, wenn man durch zeitige Belehrung, den Wahn, daß in der Welt viel zu holen sei, in den Jünglingen ausrotten könnte.
  • Der Jüngling erwartet seinen Lebenslauf in Form eines interessanten Romans.


Bitte lesen Sie das nicht als “es hat ja alles keinen Sinn” sondern eher als “das Leben ist kein Ponyhof”.

Zu Ihren praktischen Problemen:

…wie das funktioniert mit der Miete oder welche Versicherungen man braucht.

Diese Informationen bekommt man z.B.:

  • im Internet
  • in Büchern
  • von Freunden und Verwandten
  • von Organisationen (Bank, Versicherung, Mieterverein, …)

Und natürlich, Naina, Sie haben recht: auch die Schule könnte das liefern.

…lebensnahe Themen fehlen mir: Wie miete ich eine Wohnung? Was muss ich an Steuern zahlen? Welche Versicherungen brauche ich und wie schließe ich die ab? Wie kläre ich Dinge mit der Bank? Ich würde mir wünschen, dass wir über so was in der Schule sprechen. Nicht unbedingt als eigenes Fach, sondern als freiwilligen Projektkurs.

Ich meine mich zu erinnern, daß so etwas früher manchmal in einem Fach “Hauswirschaft” gelehrt wurde. Vielleicht ist das aber heute nicht mehr der Fall oder man lehrt es nur in der Hauptschule und denkt, daß Abiturienten von sich aus clever genug sind, sich das Alltagswissen zu erarbeiten. Nichtsdestotrotz, nehmen wir die letzten drei Worte im Zitat oben: “als freiwilligen Projektkurs”. Ich möchte unterstellen, daß sich auch heute im schulischen Rahmen ein entsprechendes Projekt organisieren läßt, wenn die Schüler sich ein wenig engagieren. Aber das wissen Sie ja offenbar selbst:

…Leute finden, denen es genauso geht – oder auch nicht, und dann diskutieren wir.

In diesem Sinne möchte ich Ihren Tweet wohl auch weniger als Jammerei verstanden werden sondern eher als etwas überspitzte Diskussionsaufforderung.

In einem Punkt möchte ich mich Ihrem Wunsch anschließen, daß die Schule die Schüler besser aufs Leben vorbereitet: Internet- bzw. Medienkompetenz. Oder noch besser: Methodenkompetenz. Dann müßten Sie nicht beklagen:

Natürlich sind das Sachen, die man auch googeln kann. Aber dann wird man von so einer Flut an Informationen überrollt, dass es wahnsinnig schwierig ist, zu unterscheiden: Was kann ich gebrauchen und was nicht?

Auch hätte Ihnen klar sein sollen, daß ein Tweet aufgrund der Kürze immer überspitzt formuliert ist und daß überspitzte Formulierungen im Internet heftige Reaktionen hervorrufen. Die folgende Medienpräsenz (freiwillig oder unfreiwillig) beruhigt die entstandenen Wellen üblicherweise nicht.

Bildquelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Datei:L%C3%A4mpel.jpg

Update: Auf Google+ entspann sich noch eine kleine Diskussion, die ich für die Nicht-Google+-User einmal hier hineinkopieren möchte:

Melanie Schölzke: “Auch bei mir ist die Schulzeit schon lang lang her. Und selbst wenn man mir Ende der 80er Jahre oder Anfang der 90er Jahre etwas über Steuern, Versicherungen und Co. erzählt hätte, so wäre die Geltungsdauer der Empfehlungen doch sehr überschaubar gewesen. Da war Lyrik doch sinnvoller angelegte Zeit. Und heute wollt ich mich gern weniger mit Versicherung und mehr mit Gedichten beschäftigen. So ändern sich die Begehrlichkeiten.”

Sören Köhler: “Bzgl. der Vergänglichkeit von Wissen möchte ich einwerfen: man muß nicht alles wissen, aber man muß wissen wie man es findet. Das ist wohl tatsächlich etwas, was Frontalschule schlecht vermittelt.”

Melanie Schölzke: “So ist es. Die erwähnte Methodenkompetenz. Nun ist es eigentlich genau die, die auch die beklagte Gedichtanalyse vermittelt. Etwas differenziert und von verschiedenen Perspektiven aus zu sehen. Etwas abwägend betrachten, hintergründig, von den Kerngedanken her. Wenn man das dann auch bei der Auswahl seiner Versicherungen anwendet, ist das nicht verkehrt… Denken lernen und nicht nur Wissen ansammeln, das ist heute mehr denn je wichtig als Bildungsideal. Und das finde ich auch an dieser Twitter-Post-Diskussion gerade so heikel. Wenn die Halbwertszeit von Wissen immer kürzer wird, muss man dann eine weitere Kürzung der zeitlosen Inhalte diskutieren? Ich empfinde es so, dass eher Umgekehrtes angebracht wäre. Was die Schule anbelangt, aber auch die Universitäten.”

Sören Köhler: “Hier muß ich Dir im wesentlichen Recht geben. Allerdings befürchte ich, daß der Abstraktionssprung von Gedichtanalysen zu Versicherungsauswahl für die meisten Leute schon ziemlich heftig ist. Als in der Softwareentwicklung tätiger Mathematiker erlebe ich oft, wie unterschiedlich die Abstraktionsfähigkeit bei den Menschen ausgeprägt ist. Da wird dann schneller über das wie diskutiert statt erstmal das was und warum zu klären. Das ist meiner Meinung nach auch eine Folge unseres Wirtschaftssystems, welches quantitative Kennzahlen zum obersten Ziel erhebt. Im Bildungsbereich bedeutet das, daß kurzfristig evaluierbares Wissen (d.h. Auswendiglernen) über qualitatives Können dominiert, welches nur langfristig bewerten werden kann und sich nicht in einfachen Kennzahlen pressen läßt. Mit Glück trifft man einen engagierten Lehrers, welcher seine Schüler zum Denken abseits der vorgekauten Lösungsschablone anregt. Ansonsten läßt der “normale” Schulbetrieb (aus Zeit- und Ressourcengründen) keine echte Problemdiskussionen zu. Insofern stimme ich Dir auch in dem Punkt zu, daß es wenig bringen dürfte, noch mehr Auswendiglerninhalt in den begrenzten Unterrichtsraum zu quetschen. Die Absurditäten des deutschen Schulsystems sind übrigens schon lange vor der aktuellen Twitterdiskussion bekannt gewesen. Hier ein paar erschreckende Spiegelartikel der letzten Jahre:

“Schulmathematik absurd: 26 Schafe + 10 Ziegen = 36 Jahre” http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/schulmathematik-absurd-26-schafe-10-ziegen-36-jahre-a-806981.html

“Denken statt rechnen: Die Wahrheit über Mathe” http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/denken-statt-rechnen-die-wahrheit-ueber-mathe-a-807016-2.html

“Pisa-Studie: 20 Prozent deutscher Schüler scheitern an Alltagsproblemen” http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/pisa-studie-deutschland-bei-problemloesung-im-oecd-mittelfeld-a-961814.html

Melanie Schölzke: “Das sind aber interessante Texte. Dankeschön, Sören. Ja, das mit dem Hoch auf das angehäufte Wissen ist schon eine eigentümliche Entwicklung. In der Schule, aber auch darüber hinaus, wenn man sich Shows a la “Wer wird Millionär” anschaut. Ganz besonders nett und gleichzeitig erschreckend fand ich Text Nummer 1. Furchtbar, wie da ein Automatismus antrainiert wird und ein kritischer Blick gar nicht mehr stattfindet. Und auch interessant, dass die Verantwortung weggedrängt wird, wie der Text das darstellt. “Julia: 30 Jahre alt! Lehrer: Aber du weißt doch genau, dass du nicht 30 Jahre alt bist! Julia: Ja, klar. Aber das ist nicht meine Schuld. Du hast mir die falschen Zahlen gegeben”. Hätte Uli Hoenes in der Schule nur etwas über Steuern gelernt, dann hätte er seinem Lehrer die Schuld geben können … ;)”

Advertisements
This entry was posted in Uncategorized and tagged , , , . Bookmark the permalink.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s