Eine Odyssee

Prolog

Wie ich vor einigen Tagen schon andeutete, ging bei meinem alten Handy nach vier Jahren nun dem Akku die Luft aus. Außerdem wurde es trotz beim Kauf aktueller Androidversion nicht mal ein Jahr lang mit Systemupdates versorgt. Der Mobilfunkanbieter hatte bei der ersten Verlängerung vor zwei Jahren ein attraktives Angebot gemacht – aber leider haben sie mir nun bei der zweiten Verlängerung nur zwei- bis viermal so teure Vertragsvarianten angeboten, deren Umfang ich gar nicht brauche. Es war also Zeit, zu neuen Ufern aufzubrechen und Gerät und Vertrag zu wechseln.

Sirenen

Mein alter Tarif hatte zwar null Euro Grundgebühr und eine monatlich kündbare Datenoption, aber irgendwie traute ich dem alten Anbieter durchaus zu, mich in einen teurern Vertrag zu “verlängern” mit dem Argument, die alten Konditionen würden halt nicht mehr angeboten. Ich hatte nun gar keine Lust, mir deswegen kostbare Lebenszeit vor Gericht stehlen zu lassen. Außerdem kenne ich die Mühlen deutscher Unternehmensbürokratie. Also habe ich schon Anfang des Jahres brav mein Kündigungsschreiben verschickt. Es kam sogar recht bald eine Antwort, in der sie natürlich den Rückruf-Trick versucht haben. Nachdem die letzten beiden Rechnungen schlüssig nach einer ordnungsgemäßen Beendigung des Vertrags aussehen, war dieser Punkt erledigt.

Buridans Esel

Ein neues Smartphone zu finden war schwieriger als ich erwartet hatte. Der Markt ist doch recht unübersichtlich und ich hatte ein paar spezielle Anforderungen:

  • Ich bin stark im Googleversum eingebunden, ein Wechsel zu iOS oder Windows kam also nicht wirklich in Frage. Android war aber auch nicht die wirkliche Lösung, insbesondere angesichts der Updatepolitik der Hersteller. Blieb also noch CyanogenMod.
  • Das alte Handy hatte einen 3.7″-Bildschirm. Das neue sollte dann schon etwas größer sein, aber noch in die Tasche passen. Zielvorgabe war also ca. 4.5″-5″.
  • Die Kamera sollte keine komplette Krücke sein.
  • Der Preis sollte unter 200€ liegen.

Nach etlichen Iterationen über die Cyanogen-Geräteliste, Amazon, Testberichte im Internet und die lokalen Elektrofachmärkte wurde es dann das Motorola Moto G 2014. Einziger Kritikpunkt: der Akku ist nicht ohne Bastelei wechselbar. Ich hoffe darum mal, daß der derzeitige auch die vier Jahre hält wie der vom alten Handy.

Styx

Sobald ich das Gerät auf dem Schreibtisch hatte, begann der spannende Teil: würde ich die 160€-teure Neuerwerbung beim Flashen von CyanogenMod in einen teuren Briefbeschwerer verwandeln? Der Vorgang sieht zunächst nicht ganz trivial aus, dürfte aber bei den meisten Geräten ähnlich sein:

  • Android Developement Kit herunterladen
  • im Debugmodus den Gerätecode auslesen
  • auf der Herstellerseite den zugehörigen Entsperrcode besorgen
  • Bootloader entsperren
  • eigene Recovery-Software einspielen
  • mithilfe dieser Recoverysoftware das eigentliche CyanogenMod installieren

Cyanogen liefert zwar eine eigene Recovery-Software mit, ich bin aber bei TWRP hängen geblieben, da ich damit auch gleich Backups des gesamten Geräts anfertigen kann.

Sisyphos

Dann kam der etwas aufwändigere Teil: als Google-User wollte ich auf die von mir genutzten Anwendungen nicht verzichten, aber auch nicht den ganzen Klumpatsch installieren, der üblicherweise so mitkommt. Die Google-Apps gibt es im Internet bei openGApps. Die Auswahl dort ist erstmal etwas verwirrend. Zuerst wollte ich das Komplettpaket verwenden und über das Installerconfigfile die gewünschten Komponenten auswählen. Zum Glück scheiterte das und ich bin den sinnvolleren Weg gegangen: das Picopaket nehmen, das nur den Playstore enthält, und dann alles andere über den Playstore installieren. Dabei werden die im CyanogenMod mitgelieferten StockApps zwar nicht deinstalliert, wenn man ein entsprechendes Google-Pendant installiert, aber man kann die überflüssigen Apps zumindest deaktivieren. Mit dem Neueinrichten der Apps, ggf. der Suche nach Alternativen und dem Justieren der Benutzeroberfläche kann man so schon einige Abende verbringen.

Hybris

Als frischgebackener und gefühlt weltbester Custom-ROM-Installateur konnte ich natürlich das alte Handy nicht so einfach rumliegen lassen. Ich war gerade fit in der Prozedur und so besorgte ich mir auch die Entsperrcodes für das Althandy. Das dramatische Ende bestand darin, daß ich nach dem Entsperren erkennen mußte, daß das Handy einen Factoryreset macht und mich gleichzeitig daran erinnerte, daß ich die Einstellungen für die Zweifaktorauthentifizierungsapp noch nicht aufs neue Gerät übernommen hatte. War nicht weiter schlimm, ich hatte für die Googleaccounts schließlich die Backupcodes ausgedruckt. Aber Moment mal: was ist mit Dropbox und WordPress? Für Dropbox habe ich die Codes noch gefunden, für WordPress nicht. Also in moderate Panik ausbrechen, Supportticket erstellen, Supportantworten aus dem Spamordner fischen und ein paar Tage später wieder glücklich bei WordPress einloggen. Das schöne an der Geschichte: zwei Tage später suche ich etwas völlig anderes und dabei fällt mir ein alter Ausdruck mit den vermissten WordPress-Backupcodes entgegen. Ordnung ist schon was feines…

Skylla

Für die Mobilversion von Chrome gibt es derzeit keine Plugins, also auch kein µMatrix bzw. µBlock. Da mit CyanogenMod aber Rootrechte offen stehen, konnte ich mir zumindest eine eigene /etc/hosts-Datei erstellen (Linux-Shell-Skript auf Github), die mir erstaunlich viel Werbung vom Hals hält. Ich möchte auch schwören, der Chrome verbraucht jetzt auch nicht mehr ganz so viel Strom wie am Anfang.

Janus

Nachdem die Hard- und Software einigermassen aufgesetzt war, wurde es Zeit für neue Anbindung an die Welt. Von einer Kollegin wurde ich auf ein Bestandskundenangebot bei 1&1 hingewiesen: 3GB Datenvolumen plus LTE-WLAN-Router für 9,99€/Monat. Dieses Angebot war besonders praktisch, da ich ja nun ein Dual-Sim-Handy hatte und einfach in den zweiten Slot noch eine Prepaidkarte für Sprachdienste packen könnte. Im nachhinein habe ich dann noch herausgefunden, daß die 1&1-Datenkarte auch zum Telefonieren verwendet werden kann bei Preisen wie in meinem alten Vertrag. Der zusätzliche Prepaidtarif ist aber deutlich günstiger, insbesondere wohl im EU-Ausland. Hier mal der Vergleich in nackten Zahlen:

alter Vertrag:

HTC Desire S 350,00€
48x 500MB/Monat á 9.95€ 477,60€
Bonus 1. Vertragsverlängerung -140,00€
Summe 687,60€
theoretischer Monatspreis 14,33€

neuer Vertrag auf 4 Jahre extrapoliert:

Moto G 2014 165,00€
12x 3000MB/Monat á 6.99€ 83,88€
36x 3000MB/Monat á 9.99€ 359,64€
4x 15€/Jahr Mindestaufladung Prepaid 60,00€
Summe 668,52€
theoretischer Monatspreis 13,93€

Bessere Hardware, das sechsfache Datenvolumen, günstigere Telefoniepreise und trotzdem noch rechnerische 40ct günstiger als früher – ich denke, damit kann ich zufrieden sein. Der begrenzende Faktor ist jetzt nicht mehr das Datenvolumen, sondern der Akku. Und weil der Datentarif eine sogenannte Notebookflat ist, darf ich auch das Laptop am Handy betreiben ohne gegen irgendwelche AGBs zu verstoßen.

Epilog

Die nächsten Handygeschichten dann in vier Jahren. Oder vielleicht eher, wenn mir was einfällt, was ich aus dem HTC so basteln könnte.

Bildquelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Alexander_Bruckmann_Odysseus_und_die_Sirenen_1829.jpg

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