15 Jahre Relevanzkriterien – Ein Vorschlag

Die Wikipedia wird fünfzehn Jahre alt und ist offenbar mitten in der Pubertät:

heise.de: “Die Unvollendete”
Spiegel Online: “Schlechte Manieren bedrohen die Wikipedia”
Zeit Online: Unnützes Wissen aus 15 Jahren

Verfolgt man die Diskussion über Wikipedia hört immer dieselben Klagen: rauher Umgangston, Vandalismus vs. Relevanzkriterien, Blockwartadmins vs. Anfänger. Im wesentlichen ist das natürlich ein soziales Problem. Und soziale Probleme soll man eigentlich nicht technisch lösen. Aber manchmal können kleine technische Veränderungen dafür sorgen, daß das Zusammenleben leichter wird.

Das größte Problem, insbesondere in der deutschen Wikipedia, scheinen die ominösen Relevanzkriterien zu sein. Auch ich frage mich oft, wieso das siebte Kind eines vermehrungsfreudigen B-Schauspielers relevanter ist als die Anekdote des Hobbyhistorikers zur blitzgespaltenen Dorfplatzlinde in meinem aktuellen Urlaubsort. Insbesondere frage ich mich angesichts aktueller Speicherpreise, wieso Artikel dann gleich gelöscht werden müssen? Wenn der Dorflindenartikel gelöscht wird, schreibt der Hobbyhistoriker sicher auch keinen Artikel mehr über die möglicherweise doch relevante Architektur der Dorfkirche: wird ja in seiner Erwartung eh wieder gelöscht… Und woher weiß der Admin eigentlich, was für mich als Leser relevant ist?

Ursprünglich sollte die Nupedia eine von Experten geprüfte freie Enzyklopädie werden. Dieser Ansatz scheiterte aufgrund von nicht genügend freiwilliger Mitarbeit. Dann kam die Wikipedia, in der jeder mitschreiben kann. Offenbar hat sich bei den Administratoren und Powerautoren inzwischen wieder eine Erwartungshaltung etabliert, die näher an der Nupedia ist, daß nämlich die Artikel auf dem Niveau von wissenschaftlichen Publikationen mit Peerreview-Kontrolle sein müssen. Leider gibt es bei Wikipedia keine unabhängige Peerreviewcommunity. Also wird von Adminseite im Angstreflex voreilig gelöscht und die Vielfalt zugunsten einer fiktiven Qualität aufgegeben (Stichwort: Zitierfähigkeit).

Lassen sich Vielfalt, Aktualität und Qualität vereinen? Ich meine, ja. Als Softwareentwickler bin ich gewöhnt, daß von der Software mehrere Stände unterschiedlicher Qualität und Aktualität existieren: der sehr aktuelle Entwicklungsstand, der stabile Teststand und der qualitätsgesicherte Produktivstand. Warum sollte man das nicht auf die Wikipedia übertragen? Und dann gefälligst auch dem mündigen Leser zutrauen, daß er die für sich relevante Artikelversion anschaut: Artikel nicht löschen, sondern markieren. Im Folgenden eine Ideenskizze, um den Prozess weitgehend zu automatisieren und von individueller Laune unabhängig zu machen:

  • Erstmal jede Bearbeitung zulassen. Frisch geänderte Artikel werden rot markiert.
  • Ist ein Artikel x Tage unverändert, wird er gelb markiert und die Leser können den Artikel bewerten (Inhalt, Form, Altersfreigabe, … so ähnlich, wie es bei WOT für Webseiten geschieht). Die konkrete Zeit müßte evt. variabel sein, da die Bearbeitungshäufigkeit vom Thema abhängig sein kann.
  • Optional: sinkt die Leserbewertung signifikant gegenüber historischen Artikelversionen, könnte das durch einen Farbwechsel der “Artikelampel” nach gelb-rot angezeigt werden. Jetzt könnte ich mir manuelle Kontrolle durch Admins vorstellen.
  • Gelbe Artikel werden peu-a-peu von Experten und/oder Praktikern außerhalb von Wikipedia gesichtet und gegengelesen. Diese Experten werden namentlich genannt. Ein Artikel, der das Expertenreview bestanden hat, wird grün.
  • Optional könnte man in gelben Artikeln alle Abschnitte grün markieren, die sich gegenüber der aktuellen grünen Version nicht geändert haben. Genauso können unveränderte Abschnitte in roten Artikeln gelb und grün gefärbt werden.

Sicher kann damit kein Vandalismus verhindert werden. Aber der Vorteil sollte sein, daß in roten Artikeln schnell Wissen aufgebaut wird und in grünen Artikeln eine zitierfähige Qualität. Der Leser entscheidet anhand der Ampelanzeige und eines Versionsschiebers selber, welche Artikelversion er sehen will.

Ich würde mich freuen, wenn die Wikipedia hier innovativ vorangehen würde und den Lesern und Autoren traut, anstatt wie Facebook und Co. mir meine Filterblase vorzuschreiben.

Bildquelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Wikipedia_Administrator.svg

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