Minimalismus falsch verstanden

Beim morgendlichen Durchstöbern des RSS-Nachrichtenfeeds fiel mir folgender Artikel von Zeit Online auf:
Alles mein

Anrißtext:

Besitz belastet, sagen die neuen Minimalisten. Sie wollen alles wegtauschen, verkaufen, loswerden. Was für ein Unsinn!

Erster Satz: Isso. Eigentum verpflichtet – auf verschiedenen Ebenen. Der letzte Satz ist Meinung der Autorin, steht also außerhalb der Diskussion. Im zweiten Satz unterläuft ihr aber ein Pauschalisierungsfehler: Minimalisten wollen nicht alles loswerden, sondern das Überflüssige.

Wenig später setzt Frau Tutmann menschliche Beziehungen und Beziehungen zu Gegenständen auf die selbe Ebene:

Wie soll jemand, der nicht mal bereit ist, ein altes T-Shirt aufzubewahren, Menschen die Treue halten?

Meine spontane Antwort (wie auch so ähnlich von Kommentatoren unter dem Artikel gegeben): Wie soll jemand Zeit für Menschen haben, der nur damit beschäftigt ist, seine alten T-Shirts zu hegen und zu pflegen? Auch hier zeigt sie wieder ihr Unverständnis der minimalistischen Lebensweise: die Autorin meint offenbar, Minimalisten müßten noch das letzte Hemd (bzw. T-Shirt) weggeben wollen. Falsch. Richtig ist: Minimalisten kaufen kein neues T-Shirt, wenn das alte noch einen Wert hat. Dieser kann durchaus in Erinnerungswert bestehen.

Diese Verwechslung zieht sich weiter durch den Artikel:

Wer nichts besitzt, hat sich von allem Überflüssigen getrennt und sein Leben im Griff.

Rein logisch ist richtig: Wer nichts besitzt, hat sich von allem überflüssigem getrennt. Das ist aber nur die halbe Aussage. Rein logisch gilt ebenso: Wer nichts besitzt, hat sich auch von allem notwendigen getrennt. Das ist kein Minimalismus, sondern Nihilismus. Im Verständnis von Frau Tutmann wäre der Film My Stuff schon nach wenigen Minuten zu Ende, wenn Petri seine Sachen in der Storagebox versteckt hat:

Frau Tutmanns Standpunkt wird auch nicht richtiger, wenn sie auf die Cloud schimpft:

Was sich digitalisieren lässt – Bücher, Musik, Bilder, Filme –, versteckt er in seiner unsichtbaren Rumpelkammer: der Cloud.

Echter Minimalismus verschiebt das physische Zuviel nicht einfach ins Digitale. Denn auch in der Cloud gilt: alles unnötige belastet. Weniger ist mehr. Allein schon unter Privacygesichtspunkten.

Auf einer Internetseite, die den minimalistischen Lebensstil als Mittel gegen eigentlich alles feiert…

Aha, da läuft der Hase. Frau Tutmann vergisst, daß eine Eigenschaft des Kapitalismus die Einvernahmung jeglicher Gegenströmung ist. Religion, Rock, Punk, Öko, … Alles wurde in den Kommerz integriert. Darum gibt es auch beim Minimalismus zunehmend Webseiten und (käufliche!) Ratgeberbücher, die den übertriebenen, fanatischen Minimalismus feiern, auf den sich die Autorin hier einschießt.

Meine Vase, mein Kleid, mein Armband: Mein Besitz erzählt, wer ich bin

Mmmm… Ich erzähle lieber selber, wer ich bin 😉

Wer nichts besitzt, offenbart seine Beziehungsunfähigkeit. Besitzer dagegen legen sich fest. Sie kümmern sich, sie reparieren, sie pflegen. Sie signalisieren, dass sie Andenken bewahren und damit nicht nur Dingen die Treue halten, sondern auch dem Erlebten.

Und dann sind Besitzer möglicherweise festgelegt und unfähig, sich auf neue Situationen einzustellen. Ich weiß nicht, ob ich das besser finde. Und im letzten Satz widerspricht sich die Autorin schon selbst: soll ich nun den Dingen die Treue halten oder dem Erlebten. Letzteres geht auch ohne Dinge. Man nennt es Gedächtnis.

Soweit ich das sehe, gehört Frau Tutmann zu den Menschen, die zur Erinnerung, zur Selbstdefinition Dinge benötigen. Das wird bei (echten) Minimalisten zwar ein Kopfschütteln auslösen, aber mehr auch nicht. Wie ich oben schon mehrfach andeutete, besteht echter Minimalismus nicht darin, nichts zu haben, sondern die richtigen Dinge zu haben. Das Schlußwort überlasse ich darum den Profis von The Minimalist:

Possessions can make us happier, but only if we own the right things.

I should note that this doesn’t mean possessions are a replacement for experiences and relationships and a rich internal life: most ideally, the things we own are mere additions to a fulfilled existence. They add spice to something that’s already satisfying and satiating.

Bildquelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Blue_Unknot.png

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